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filmcoverDie im Jahr 2000 veröffentlichte weltweit erste Kopplung von Mafialiedern unter dem Titel »Il canto di malavita – La musica della Mafia« markierte das Ende einer liebgewonnenen Gewohnheit der internationalen Medien mit der italienischen Mafia: Die Lieder waren wundervoll, die Texte und ihr Vortrag durch kalabresische Sänger herzzerreißend, aber die ›canti di malavita‹ wollten so gar nicht in das Schema passen, wie die Mafia ›sei‹. Die nämlich ›ist‹ entweder ein Krebsgeschwür, eine kriminelle Krake – oder aber sie ›ist‹ so cool und würdevoll, wie sie in der modernen Mythologie, in Filmen wie dem »Paten« dargestellt wird. Aber dass es eine Kultur der Mafia geben sollte, mit Liedern, Tänzen und Ritualen, und das seit fast 150 Jahren – das verstörte viele Hörer nachhaltig.

Der Veröffentlichung von vor zehn Jahren folgte ein immenses publizistisches Echo. Von der London Times bis hin zum Spiegel, vom Nouvel Observateur bis zur La Repubblica verpasste es kaum ein namhaftes Feuilleton Europas, eigene Betrachtungen und neue Kapitel zur alten Geschichte hinzuzufügen. Irritierenderweise bewarb die ’Ndranghetà mit ihren Liedern ungemein wirkungsvoll ihre Heimatprovinz Kalabrien. Wohl kein zweites Ereignis vermochte im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends so viel Medienaufmerksamkeit auf die Stiefelspitze Italiens zu lenken.

Francesco Sbanos Film »Uomini d’Onore – Men of Honour« knüpft an das neue Bewusstsein an: Ob man es wahrhaben will oder nicht, ob man es gutheißt oder bekämpft – es gibt diese Kultur, und es gibt auch Opfer der ’Ndranghetà, die abermals so gar nicht in das Schema eines Blickes von Außen auf Kalabrien passen wollen. Die Rede ist von den stigmatisierten Einwohnern der kleinen Stadt San Luca im Süden der Provinz. Hier geboren worden zu sein und aufzuwachsen ist kein Lebensweg, sondern eine Diagnose: Man ist markiert als (potenzieller) Mafioso. Francesco Sbano richtet in »Uomini d’Onore« den Fokus auf die Gesellschaftsverlierer Kalabriens. Er tut dies mutig und entschlossen, und er nimmt in Kauf, dass er sich mit seiner vehementen Parteinahme angreifbar macht, etwa wenn er auch vor Bildern spielender Kinder als Beispiel für diese Stigmatisierung nicht zurückschreckt.

Denn Francesco Sbano ist ein Filmemacher, der Jahrzehnte seines Berufslebens damit verbracht hat, bis dato in seiner Heimat unsichtbare Trennlinien zwischen ›uns‹ und ›denen‹ sichtbar zu machen, statt sich einzuklinken in ein Schwarzweißdenken. Kurz: Er lädt die Gutmenschen und Moralisten ein, ihre Standpunkte, die immer auch von einem naiven Wunsch nach einer einfachen Weltordnung angetrieben sind, zu überdenken.

Ob ihm das gelingen wird, bleibt fraglich. Sicher ist, dass die mittlerweile drei CD-Kopplungen mit Mafialiedern und jetzt sein Film eine Diskussion über die unbequeme Wahrheit einer Kultur der Mafia überhaupt erst möglich machen: Schließlich handelt es sich hier um originale Quelldokumente aus erster Hand. So gelang es Sbano, ehemalige Mitglieder der Organisation, im Aspromontegebirge untergetauchte Latitanten und sogar einen Boss vor die Kamera zu bekommen. Im Gegensatz zu reißerischen TV-Dokumentationen lässt Sbano seine Zeugen ausreden. Der Zuschauer erfährt wahrhaft Schockierendes, eben weil der Regisseur im letzten Drittel seines Films auf deutende Kommentare weitgehend verzichtet.

Gespenstischer Höhepunkt von »Uomini d’Onore« ist die gefilmte Aufnahmezeremonie eines neuen ’Ndranghetà-Mitglieds in den Männerbund. Man mag dies geschmacklos empfinden, reißerisch ist es nicht. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Realität, und sei es die unbequeme Realität einer Parallelgesellschaft.

Max Dax