Lieder von Ehre, Blut und Verschwiegenheit

Um die echte Musik Kalabriens hören zu können, besucht man am besten eines der zahlreichen kirchlichen Dorffeste. Besonders im Sommer zieht es die lokalen Musiker mit ihren traditionellen Instrumenten auf diese Veranstaltungen, bei denen musiziert, getanzt und geguckt wird. Es gehört zu den Eigenheiten Süditaliens, daß fliegende Händler bei Anlässen dieser Art bespielte Musikkassetten verkaufen. Mit ein bißchen Glück kann man die Musik der 'Ndrangheta erstehen - die Musik der kalabrischen Mafia.

Die bloße Existenz der Mafialieder und deren organisierter Verkauf auf den regionalen Märkten Kalabriens hat in Italien bereits zu heftigen, mitunter polemischen Debatten geführt. Kritiker verweisen darauf, daß es unanständig sei, die Werte von Kriminellen zu besingen und damit zu verherrlichen. Andere belächeln die Musik als sentimentale Ergüsse verblendeter Mafiaverehrer und sprechen ihr eine tiefere Bedeutung im Sinne einer Mafiakultur ab. Dabei reicht die Geschichte der Mafialieder weit zurück: Ihren Ursprung hat die Musik im Canto di Malavita (die Lieder vom Verbrecherleben) und den überlieferten Gefängnisliedern, dem Canto di Carcerato. In diesen Lamentos beteuern Inhaftierte ihre Unschuld, oder aber sie rühmen sich ihrer Taten. Diese alten Lieder wurden interessanterweise nie nur von den Mafiosi geschätzt. Bei fast allen Liedern der Malavitamusik steht der musikalische Wohlklang im krassen Gegensatz zu der unmißverständlichen Deutlichkeit der tradierten Liedtexte. Mag die vordergründige Blutrünstigkeit den Hörer zunächst erschrecken, wird er sich der faszinierenden Poesie der Worte, die dem Ehrenkodex der alten 'Ndrangheta entnommen wurden, nicht entziehen können. Um einen sogenannten „Ehrenkodex“ zu entschlüsseln, muß man sich zuerst die Frage stellen: Wie kam es überhaupt zur Ehre?

Nach der Eroberung Süditaliens (1861) durch den Norden und der anschließenden Herrschaft der Piemonteser über Italien verarmte der Süden zusehends. Großgrundbesitzer aus dem Norden unterhielten im Süden riesige Ländereien, die normale Bevölkerung wurde großteils regelrecht ausgebeutet, auch durch ein willkürliches und ungerechtes Steuersystem. Aus diesem Zustand heraus entwickelten sich Banden, die von den Großgrundbesitzern Geld erpreßten und ihnen dafür Schutz anboten. „Pizzo“ nannten sie diese „Gebühr“, auch heute noch unter dem Begriff Schutzgeld geläufig. Diese kriminellen Handlungen werden historisch gemeinhin als Geburtsstunde der N’drangheta angesehen. Da sie anfänglich das Geld nur von den verhaßten Reichen nahmen, galten diese Banden in der Bevölkerung schon bald als ehrenwert.
Diese „ehrenwerten“ Männer waren zwar aufgrund ihrer Brutalität gefürchtet, wegen der von ihnen vertretenen Werte aber gleichzeitig auch sehr respektiert. Die Angst aber auch der ungeheure Respekt vor Ihnen spiegelte sich in den Liedern wider, und deshalb hat auch die unbescholtene Bevölkerung diese Musik offen angenommen und auf Festen gesungen. Der besungene Ehrenkodex verlangte auch Ihnen Respekt ab. Und das ist bis heute noch so.

Die Malavita Musik ist vielfältig. Melodien und Gesänge sind von unterschiedlichsten folkloristischen Musiktraditionen des Mittelmeerraums beeinflußt. Am ursprünglichsten erscheinen die nur mit Akkordeon und Tamburin instrumentierten Tarantellen, wie "Non su lupu" ("Ich bin kein Wolf") oder "U ballu da famigghja Muntalbanu" ("Der Tanz der Familie Muntalbanu"), deren eindringlich gesprochener Text keinen Zweifel daran aufkommen läßt, wer das Dorf regiert. Inhaltlich sind die Lieder oft zweideutig, und fast immer ergreifen sie die Partei der 'Ndrangheta. In dem Lied "I cunfirenti" ("Die Verräter") etwa wird ein Mann stigmatisiert und mit dem Tod bedroht, weil er es gewagt hatte, als Pentito gegenüber der Polizei auszusagen. Ein Lied wie "U commissariu" ("Der Kommissar") erklärt daher folgerichtig, wie man sich besser gegenüber den Carabinieri verhält: "Ich bin lieber im Gefängnis als Verräter", heißt es da, und: "Dieser Mund spricht nicht / Ich werde diese drei Jahre schultern." Andere Lieder erzählen voller Poesie und mit bildhafter Sprache, wie die ehrenwerte Gesellschaft vor über 100 Jahren ins Leben gerufen wurde ("'Ndrangheta, camurra e mafia") und wie die ritualisierten sprachlichen Codes der 'Ndrangheta funktionieren ("Taub, blind und stumm bin ich", in dem Lied "Omertá").

Zu Beginn des Albums 'Omertà, Onuri e Sangu' ertönen die Glocken des Klosters von Polsi, einem mythischen Ort in der zerklüfteten Bergwelt des Aspromonte-Massivs, das seit je her den Briganten und Latitanten der 'Ndrangheta Versteck und Zuflucht geboten hatte. Noch heute pilgern alljährlich tausende Kalabresen nach Polsi, um im September das Fest der Madonna della Montagna zu feiern - am gleichen Ort, an dem früher die geheimen Zusammenkünfte der alten 'Ndrangheta stattfanden. Auf den CDs finden sich zahlreiche Gefängnislieder, die schon erwähnten »Canti di Carcerato«. Die beiden historischen Aufnahmen »Tira la pinna« und »A casanza« entstanden sogar im Gefängnis von Cosenza, der Wortlaut des ersten Liedes tauchte bereits in einem alten Buch über das kalabresische Brigantentum auf. Auch die Rache ist ein wichtiger Bestandteil der Lieder, wie etwa bei »Ninna nanna malandrineddu«. Vordergründig klingt es wie ein unschuldiges Lied von der Mutter an den Sohn. Der Text jedoch läßt dem Hörer das Blut in den Adern gefrieren: "Du mußt groß werden / Schnell mußt Du wachsen / … / Söhnchen, Deinen Vater mußt Du rächen."

Neben den zärtlichsten und menschlichsten Liedern sind auf der CD „ La Musica della Mafia Vol.3 – Le Canzoni Dell’ Onorata Societá“ auch die härtesten und kriminellsten Lieder aus dem Repertoire der Canzoni della ’Ndrangheta vertreten. „Infama Vinditta“ („Verräterische Rache“) beschreibt einen der zahlreichen und blutrünstigen Morde im Kampf der „Neuen“ gegen die „Alte Mafia“ in den achtziger Jahren. Die Blutrache einer Frau an einem Mann, der sie nicht heiraten will, nachdem er sich mit ihr eingelassen hat, ist das Thema in Vendetta d’Onuri („Rache aus Ehre“). Solche Aufnahmen weiblichen Gesangs sind sehr rar im Liederkosmos der Mafia. Hier übertrifft die bittere Hoffnungslosigkeit der Protagonistin die Intensität ähnlicher männlicher Interpretationen.

Die Liedtexte Nr. 4, 5 und 7 auf der neuen CD erwecken Gefühle, die in den vorherigen Veröffentlichungen noch nicht berührt wurden. Liebe und Freiheit. So der Gefangene in L’Innocente Carcerato („Unschuldig Gefangener“), der sich nach einem Leben in Freiheit sehnt. Oder der Ehrenmann in Canzuni ill’Emigranti („Lied des Auswanderers“), der „In die Weite Welt“ emigriert, aber so gern zu seiner „Bella“ zurückkehren würde, um nie wieder fort zu gehen. In Amuri e Carceri („Liebe und Gefängnis“) schreibt ein Eingekerkerter seiner Liebsten einen Brief mit seinem eigenen Blut, da ihm die Tinte fehlt. Doch sie besucht ihn nie…

Beim Hören der Musik schwingt bei den Älteren immer auch ein wenig Wehmut mit, ihre Gedanken sind dann oft bei Erinnerungen an vergangene Zeiten, sicherlich wird einiges aus früheren Tagen romantisch verklärt. Aber auch junge Kalabresen hören diese Musik, jedoch übt sie keinen besonderen nostalgischen Reiz auf sie aus. Für eine bestimmte Hörerschaft hat sie sogar eine ganz andere Bedeutung. Einigen jungen Kriminellen dient diese Musik sogar als eine Art „Aufputschmittel“. Die Werte und Botschaften die in den Liedern transportiert werden, allen voran die durch Taten erlangte Ehre, gelten für sie als eine Art Legitimation ihrer verbrecherischen Taten. Und darin liegt durchaus auch eine Gefahr, die von der „Musica della Mafia“ ausgeht. Das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.
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